Die Bestimmung des Nachlasses

Die nachfolgenden Ausführungen gelten, soweit das Zivilgesetzbuch dies ausdrücklich vorsieht, auch für eingetragene Partnerschaften.

Oft wird vergessen, dass Ehegatten ein gemeinschaftliches Vermögen oder gemeinschaftliche Vermögensbestandteile haben. Das bedeutet, dass in einem ersten Schritt diese gemeinschaftlichen Vermögen unter den Ehegatten aufgeteilt werden müssen, um die Höhe der Erbschaft des verstorbenen Ehegatten überhaupt bestimmen zu können.

Man nennt diesen Vorgang güterrechtliche Auseinandersetzung. Die Auseinandersetzung orientiert sich an den gesetzlichen Bestimmungen des Eherechts und lässt mittels Abschluss eines Ehevertrages Gestaltungsfreiheit offen.  Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass die Höhe des späteren Nachlasses durch den Abschluss eines Ehevertrages individuell bestimmt und nennenswert beeinflusst werden kann.

Ein Ehevertrag muss ebenfalls öffentlich beurkundet werden. Auch dafür wenden Sie sich am Besten an Ihren Vertrauensnotar oder Vertrauensanwalt.

In der Praxis kommt es häufig vor, dass Ehegatten einfach davon ausgehen, das Gesamtvermögen sei Nachlass und werde vererbt, was falsch ist und zu bösen Überraschungen führen kann.

Der Pflichtteil

Der Pflichtteil ist jener Teil, auf den bestimmte gesetzliche Erben nach Massgabe der gesetzlichen Ordnung auf jeden Fall Anspruch haben. Wird der Pflichtteil verletzt, können die pflichtteilsberechtigten Erben die letztwillige Verfügung anfechten und dringen mit dieser Anfechtung ohne weiteres durch. Die Pflichtteile sind Erbteile und werden daher in Quoten (Bruchteilen) des Ganzen zum Ausdruck gebracht.

Derartige Pflichtteile bestehen nach Art. 471 ZGB für

  • den Ehegatten, die eingetragene Partnerin/den eingetragenen Partner
  • die Nachkommen (Kinder)
  • die Eltern

Die verfügungsfreie Quote ist jener Teil Ihres Nachlasses, über den Sie frei verfügen können. Allerdings müssen diese Anordnungen eben in einem Testament oder in einem Erbvertrag vorgenommen werden. So können Sie nicht pflichtteilsgeschützten Familienmitgliedern, anderen Ihnen nahe stehenden Personen oder auch gemeinnützigen Organisationen und Hilfswerken Teile Ihres Vermögens vererben, ohne dass das Risiko besteht, dass die Verfügung erfolgreich angefochten wird. Wird die verfügungsfreie Quote überschritten, will das nicht heissen, dass die Anordnung ungültig ist, sondern nur, dass die pflichtteilsgeschützten Erben auf dem Rechtsweg ihre Herabsetzung verlangen können.

Beispiele

Ob Pflichtteile zu berücksichtigen sind und wie hoch sie sind, hängt davon ab, welche Personen im konkreten Fall erbberechtigt sind. Bei Unklarheiten empfiehlt es sich, Ihre persönliche Situation von einer im Erbrecht ausgebildeten Person (vorzugsweise einem Notar oder Anwalt) prüfen zu lassen.

Die nachfolgenden Beispiele sollen Ihnen einen ersten Einblick vermitteln.

Fallbeispiele: Bei Vorhandensein von gesetzlichen Erben mit Pflichtteil

Beispiel 1: Verheiratete Personen ohne Kinder

Wenn Sie ausschliesslich einen Ehepartner/eine Ehepartnerin zurücklassen, beträgt der Pflichtteil 1/2. Über die restliche Hälfte können Sie frei verfügen.

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1

CHF

100‘000.-

Pflichtteil Ehegatte

1/2

CHF

  50‘000.-

Verfügungsfreie Quote

1/2

CHF

  50‘000.-

Wenn Ihre Eltern oder ein Elternteil noch leben und keine Nachkommen vorhanden sind, haben die Eltern Anrecht auf einen Pflichtteil von 1/8, während dem überlebenden Ehegatten 3/8 verbleiben. Die verfügungsfreie Quote beträgt dann 4/8. 

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1/1

CHF

100‘000.-

Pflichtteil der Eltern

1/8

CHF

  12‘500.-

Pflichtteil Ehegatte

3/8

CHF

  37‘500.-

Verfügungsfreie Quote

4/8

CHF

  50‘000.-

Beispiel 2: Verheiratete Personen mit Kindern

Wenn Sie Ihren Ehegatten und Kinder zurücklassen, beträgt der Pflichtteil für den Ehepartner 1/4  resp.  2/8  Viertel und für die Kinder 3/8. Die freie Quote beträgt ebenfalls 3/8. Gemeinsame und nicht gemeinsame Kinder werden grundsätzlich gleich behandelt. 

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1/1

CHF

100‘000.-

Pflichtteil Ehegatte

2/8

CHF

  25‘000.-

Pflichtteil Kinder

3/8

CHF

  37‘500.-

Verfügungsfreie Quote

3/8

CHF

  37‘500.-

Beispiel 3: Eingetragene Partnerschaften

Die eingetragene Partnerin/der eingetragene Partner wird vom Gesetz dem Ehegatten gleich gestellt.

Beispiel 4: Unverheiratete oder verwitwete Person mit Kindern

Ihre direkten Nachkommen erhalten als Pflichtteil 3/4 des gesetzlichen Erbteils. Über 1/4 können Sie frei verfügen.

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1/1

CHF

100‘000.-

Pflichtteil Kinder

3/4

CHF

  75‘000.-

Verfügungsfreie Quote

1/4

CHF

  25‘000.-

 

Fallbeispiele: Bei Fehlen von pflichtteilsgeschützten Erben

Beispiel 1: Alleinstehende Person ohne Kinder

Wenn beide Eltern gestorben sind und Sie keine Nachkommen haben, können Sie über Ihren Nachlass frei, d.h. ohne jede Einschränkung, verfügen. Wenn Sie kein Testament verfassen oder keinen Erbvertrag abschliessen, erben unter Umständen weiter entfernte Verwandte und zu guter Letzt der Staat.

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1/1

CHF

100‘000.-

Verfügungsfreie Quote

1/1

CHF

100‘000.-

 

Beispiel 2: Lebensgemeinschaft (Konkubinat) ohne Kinder

Weil Lebensgefährten (ausgenommenen sind eingetragene Partnerschaften) keine gesetzlichen Erben sind, erben sie nur, wenn Sie in einem Testament oder in einem Erbvertrag zu Ihren Gunsten verfügen. Tun Sie das nicht, so erbt ein Konkubinatspartner nichts. Wenn Ihre Eltern verstorben sind und Sie keine Nachkommen haben, können Sie über Ihren gesamten Nachlass frei verfügen.

Nachlass

Bruchteil

CHF

Betrag

Nachlass

1/1

CHF

100‘000.-

Verfügungsfreie Quote

1/1

CHF

100‘000.-